„Erinnerung“ – Kurzgeschichte

Erinnerung - Kurzgeschichte - Bertram Holzer

Es sind bereits viele Jahre vergangen, als ich in Wien lebte und arbeitete. Aber noch heute fällt mir ein schaudererregendes Erlebnis in der U-Bahn ein.

 

An jenem Tag habe ich abends etwas früher Schluss gemacht und ich wurde in meiner Hoffnung nicht enttäuscht, mich diesmal nicht in eine überfüllte U-Bahn quetschen zu müssen. Im Gegenteil und obwohl mir etwas Stehen ganz gutgetan hätte, setzte ich mich auf einen der freien Plätze. Ich sah mich um, meine Aktentasche auf dem Schoss. Nur wenige Leute im Abteil und trotzdem dieser penetrant muffige Gestank menschlicher Ausdünstung und zwiebelhaltigem Fastfood, das hier soeben jemand gegessen hatte.

Ich sehe eine dicke Frau mit ihrem kleinen Sohn vor mir. Sie ist offensichtlich überfordert, den quirligen Jungen in Zaum zu halten. Ein junger Mann mit Hoodie sitzt mir gegenüber und reißt an der Leine seines Hundes, der am Boden liegt. Weiter vorne sitzt ein etwas älterer Mann, der mich freundlich angrinst. Ich lächle etwas verunsichert zurück, bin mir nicht sicher, ob seine Geste tatsächlich mir gilt. Der Mann erinnert mich an jemanden, aber ich weiß nicht an wen. „Passiert mir öfter“, denke ich kurz. Man kann sich an einem fernen Ort befinden und sieht plötzlich jede Menge Doppelgänger von Menschen, die man von zuhause kennt.

Dann entdecke ich vier Menschen, die im Abteil beieinandersitzen und sich amüsiert unterhalten. Ich staune nicht schlecht, als ich einen von ihnen tatsächlich zu kennen glaube. Ich sehe nochmals genauer hin und täusche mich nicht. Andreas Vitasek sitzt bei ihnen und unterhält sich entspannt mit den Fahrgästen. „Sympathischer Typ“ denke ich, als er sich freundlich von ihnen verabschiedet, um in der nächsten Station auszusteigen. Der Zug hält und nur wenige Menschen steigen zu.

Die Fahrt geht weiter, der Hund, der gegenüber von mir am Boden liegt, bleibt ruhig liegen und sein junger Besitzer hat endlich damit aufgehört, an der Hundeleine zu reißen. Die dicke Frau schnorrt immer noch mit ihrem überaktiven Kind, das mich im Gegensatz zu der Mutter überhaupt nicht mehr nervt. Mein Blick trifft wieder den freundlich grinsenden Blick des älteren Mannes. „Verdammt nochmal. An wen erinnert mich dieser Mensch bloß. Kenne ich ihn womöglich doch? Einen Prominenten erkennt man doch auch sofort.“

Der junge Mann mit Hoodie reißt plötzlich wieder an der Leine und schreckt damit das schlafende Tier auf. „Blöder Hund“ denke ich und meine damit diesen Typen, der die Kapuze noch tiefer über seine Stirn zieht, um ebenfalls ein Nickerchen zu machen. Auch die dicke Frau reißt ihr Kind zum wiederholten Mal an sich und ermahnt es, endlich still zu sitzen. Der ältere Mann lächelt wieder zu mir rüber, nickt mir abermals freundlich zu. Ich überlege aufzustehen, um zu ihm rüberzugehen und ihn zu fragen, ob wir uns kennen.

Im selben Augenblick stört das schrille Läuten meines Handys die Ruhe im Abteil. Schnell ziehe ich es aus meiner Tasche, stelle es lautlos und sehe die Nummer eines Freundes auf dem Display. Ich wundere mich, denn sein Anruf um diese Zeit hat schon früher schlechte Nachrichten bedeutet. Erwartungsvoll nehme ich den Anruf an. Der Zug fährt mittlerweile in das Tageslicht der nächsten Haltestation ein und am anderen Ende der Leitung höre ich die traurig schluchzende Stimme meines Freundes.  – Sein Vater ist tödlich verunglückt.

Erschrocken stammle ich herum, blicke verstört aus dem Fenster. Mir fehlen die richtigen Worte aber ich versuche ihn dennoch zu trösten, als der Zug erneut Fahrt aufnimmt. Die Verbindung wird nicht mehr lange anhalten und ich vergesse mein Umfeld, während der Zug wieder in die unterirdische Dunkelheit der nächsten Tunnelröhre schießt. Flackerndes Licht und Dunkelheit im Abteil wechseln einander ab. Dann bricht die Verbindung ab.

Gedanken rasen durch meinen Kopf: „Sein Vater, so ein netter Mann und jetzt ist er tot?“ Plötzlich bemerke ich, dass der freundlich blickende Mann nicht mehr im Abteil sitzt. „Wann ist er verschwunden?“ Und dann lässt mich eine Erinnerung an den Vater meines Freundes erschaudern, denn im selben Augenblick fällt mir ein, weshalb mir der freundliche Fremde so bekannt vorkam?

 

 

Text: Bertram Holzer

 

Über „gehörlose“ Corona-Versprechen

Über "gehörlose" Corona-Versprechen

Wieder kommt ein Lockdown in Österreich und ich hätte nie gedacht, dass ich mich nochmals dazu hinreißen lasse, über den aktuellen Corona-Diskurs zu schreiben. Dafür zeige ich Ihnen mit diesem Beitrag auch als Beispiel, wie Sie einen Kommentar mit Storytelling schreiben könnten…

Kommentar mit Storytelling?

Der Kommentar ist ein meinungsbildender Text zu einem aktuellen Thema. Eigentlich eine typisch journalistische Textgattung und für mich deshalb Grund genug, um den Diskurs einmal mit Storytelling anzuregen. Außerdem erhalten Sie damit eine weitere gute Schreibübung, ähnlich wie in meinem Beitrag, Techniken des Storytellings lernen, vor zwei Wochen. Los geht’s…

Über „gehörlose“ Corona-Versprechen

„Lockdown ab Montag in Österreich.“ Die Schlagzeile ist nicht ganz unerwartet und ich erinnere mich noch gut an das Versprechen unserer Regierung: „Uneingeschränkte Freiheit für alle Geimpften.“ Im selben Augenblick fällt mir ein, dass ich rüber zu Mama muss. Schon seit längerer Zeit leidet sie an einem spürbaren Hörverlust, weshalb ich sie zum HNO-Arzt fahre. Schweigsam sitzt sie neben mir im Auto, denkt darüber nach, wann Vater wohl endlich nach seinem Krankenhausaufenthalt heimkommt.

Die letzten Tage haben sie sehr mitgenommen. Ihr Sehvermögen ist ohnehin schon schlecht und jetzt, beinahe taub, wird sie von mir durch lange Gänge geführt. An Checkpoints vorbei, an denen sie immer wieder ihren Impfpass vorzeigen muss, um Vater im Krankenhaus besuchen zu dürfen. Ein Patient, eine Stunde Besuch pro Tag. Schwer für einen Menschen, der mehr als 65 Jahre ungetrennt von seinem Partner lebt. Und für mich bedeutet es immer wieder warten. Vorher durfte ich als geimpfte Person meine Mutter wenigstens bis vor die Station führen, die sie alleine niemals finden würde. Ab jetzt muss ich draußen warten.

Wir sind beim HNO-Arzt angekommen. Ich führe sie hinein und melde sie an. Dann muss ich die Ordination verlassen und Mama versteht nicht, weshalb ich draußen warten muss, obwohl ich doch geimpft bin und eine Maske trage. „Passt schon Mama“, sage ich ziemlich laut zu ihr, sodass mich einige Leute böse ansehen. „Ich warte draußen vor der Türe auf dich.“ Sie sieht mich fragend an, scheint aber zu verstehen, denn sie setzt sich wieder auf ihren Stuhl und winkt mir beim Hinausgehen zu.

Es ist tatsächlich etwas kalt und ich denke darüber nach, wie ich meiner Mama erkläre, dass unsere gemeinsamen Krankenhausbesuche in Zukunft wohl noch etwas schwieriger werden. Auch wenn sie aus dem Arztzimmer herauskommt und etwas besser hören sollte, wird sie es nicht verstehen. Wie denn auch. Ich verstehe ja selber nicht, wie die Versprechen unserer Regierung gehörlos blieben und deshalb die Corona-Krise uns abermals einholen konnte.

Während ich so darüber nachdenke, öffnet sich die Tür und ein Mann erscheint. Er ist etwas rundlich, hat eine Halbglatze und fällt mit seinem dicken Schnurrbart auf. Er dürfte um die siebzig Jahre alt sein, sieht aber kurz beschrieben wie ein freundlich grinsender Teddybär aus.

„Sie ist jetzt dran“, sagt er zu mir. „Vielen Dank“, antworte ich. „Das lange Warten fällt ihr momentan nicht gerade leicht:“ „Verstehe, aber es ist wichtig, sich die Ohren regelmäßig beim Arzt zu reinigen“, sagt er zu mir. „Es geht nichts über ein gutes Gehör.“

„Da haben Sie recht“, antworte ich. „Und trotzdem scheinen viele Menschen in manchen Dingen trotzdem gehörlos zu sein“, plappere ich ergänzend und erschrecke im selben Augenblick, denn ich befürchte eine Diskussion losgetreten zu haben, die ich eigentlich nicht führen möchte.

Er sieht mich mit kurzem Grinsen an und schmunzelt: „Sie meinen die Impfgegner? Das verstehe ich auch nicht. Was ist denn schon dabei. Früher haben wir auch nicht so ein Theater gemacht, wenn man uns geimpft hat. Aber was weiß ich schon. Mittlerweile ist alles nur noch politisch.“

Ich sehe ihn neugierig an und kann mir meine Frage nicht verkneifen. „Wie meinen Sie das?“ „Na ja. Am Anfang hat es geheißen, dass es keine Einschränkungen für Geimpfte geben wird und auch keine Impfpflicht kommt. Eine solidarische Lösung auf politischem Parkett eben. Jetzt stecken sie darin fest und kommen nicht mehr raus.“

„Das erste gebrochene Corona-Versprechen folgt am Montag“, sage ich spöttisch. „Und das zweite folgt mit der Impfpflicht“, erwidert er. „Und alles nur deshalb, weil unsere Politik gepennt hat?“ „Das und weil beide „Lager“ nicht geglaubt haben, dass zwei Versprechen gebrochen werden müssen, um die gewünschte Solidarität zu erzwingen.“ Seine Worte erstaunen mich sehr, weil ich viel Wahrheit darin erkenne. „Man könnte auch sagen, dass wir nicht hören wollten, dass beide Versprechen jederzeit fallen könnten.“

Er sieht mich grinsend an: „Wäre das etwas Neues, wenn Politiker ihre Versprechen nicht halten?“ „Oder wir waren einfach nur zu leichtsinnig“, murmle ich nachdenklich. „Vierzig Prozent von uns bestimmt. Ich muss jetzt jedenfalls gehen, meine Frau wartet mit dem Mittagessen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag“, sagt der Fremde zu mir und verschwindet um die Ecke. Im selben Augenblick öffnet sich das Fenster neben mir und die Arztassistentin steckt ihren Kopf heraus: „Sie können Ihre Mutter jetzt abholen.“

Bertram Holzer

 

Pixabay-Bild: pixelcreators

DramaTec: Techniken des Storytellings lernen

DramaTec: Techniken des Storytellings lernen

Kann Storytelling gelernt werden? Ich glaube schon, schlussendlich sind die bewährten Techniken des spannenden Geschichtenerzählens tausende Jahre alt. Es besteht also auch für vermeintlich talentfreie Schriftsteller Hoffnung, die Techniken des Storytellings mit viel Übung und Mut zum Schreiben zu lernen.

Alles beginnt mit einer Idee

Ich sage es meinen Seminarteilnehmern immer wieder: Ein guter Text entsteht immer zuerst mit dem Mut, überhaupt einen Text für die Öffentlichkeit schreiben zu wollen. Unser Irrglaube an Perfektionismus und die Angst vor möglicher (negativer) Kritik blockiert allzu oft die eigene Kreativität. Und auch wenn Sie es vielleicht nicht glauben kann ich Ihnen versichern: Wenn Sie ein menschliches Wesen sind, dann sind Sie auf alle Fälle kreativ.

Der kreative Schreibprozess beginnt mit einer Idee. Eine gute Geschichte beherbergt immer eine alles beherrschende Idee, eine Botschaft, einen roter Faden, den Kitt, der eine Story von Beginn bis zum Ende trägt. Kurz: Eine spannende Geschichte beinhaltet ein interessantes Thema, das es zuerst zu entdecken gilt, bevor Sie überhaupt eine brauchbare Textzeile auf das leere Papier bringen.

Von einer Idee zum beherrschenden Thema

Üben Sie sich darin, Ihre Umwelt genauer zu beobachten. Entdecken Sie interessante Themen, die eine große Allgemeinheit kennt und teilt. Oder stellen Sie sich dafür einfach die Frage: „Mit welchen Geschichten können sich große Öffentlichkeiten besonders gut identifizieren?“ Versuchen Sie, eine anfangs breit gedachte Idee als Thema in einem einzigen Satz zu formulieren.

Nehmen wir an, wir wollen über einen bestimmten Aspekt unserer Wohlstandsgesellschaft schreiben. Unsere Wohlstandsgesellschaft als Thema ist dafür noch zu groß. Denken Sie darüber nach, wie Sie auffällige Ereignisse, Berichte, Aussagen oder Erzählungen eines bestimmten Merkmales zum Überbegriff „Wohlstandsgesellschaft“ zeigen könnten. Ich versuche es mit einer allgemein bekannten Aussage: „Die Kinder von heute sind viel verwöhnter als früher.“

Sie kennen diesen Satz bestimmt, haben ihn selbst oft gehört und er wird immer wieder gerne mit unserem Wohlstandswachstum verknüpft. Wir haben damit aber erst eine Aussage, mit der wir arbeiten können, ohne das eigentliche Thema oder die beherrschende Idee dazu gefunden zu haben. Mein Vorschlag für diese kleine Übung:

„Wohlstand lässt Zeit vergessen.“ Gefällt Ihnen nicht? Vielleicht finden Sie ein besseres Thema. Bei dieser Übung geht es lediglich darum, dass wir einen Text entwickeln, der verdeutlicht, wie sich mit der Zeit unser eigenes Verhalten mit der Entwicklung unserer Wohlstandsgesellschaft verändert hat. Und noch wichtiger, wie sie über diese Entwicklung mit einem Ausschnitt und in Form einer kurzen Story erzählen. Einverstanden?

Deskriptiv versus Storytelling

Um den Unterschied zwischen einem deskriptiven und keinesfalls schlechteren Text und Storytelling nochmals zu verdeutlichen, üben wir einfach beide Textsorten. Beginnen wir mit einem beschreibenden Text. Vergegenwärtigen Sie sich dabei immer unsere beherrschende Idee und die Prämisse, mit der wir das Thema bei unserer Leserschaft erfüllen. Erinnern Sie sich?

„Wohlstand lässt Zeit vergessen.“ Prämisse und Arbeitsmittel für unseren Text ist die Aussage: „Die Kinder von heute sind viel verwöhnter als früher.“ Denken Sie daran, dass diese Prämisse nur ein Arbeitsmittel ist. Verlieben Sie sich nicht darin. Wenn Sie nichts taugt, verwerfen Sie dieses Werkzeug und suchen ein anderes. Für unsere Übung arbeiten wir damit weiter und ich mache den Beginn:

Die ersten Nachkriegsjahre waren für den Großteil unserer Bevölkerung ein täglicher Existenzkampf. Armut und Hunger zwangen sogar viele Familien dazu, ihre Kinder in die Fremde zu schicken, um dort harte Arbeit zu verrichten. Hunger war damals etwas, das wir heute offensichtlich völlig vergessen haben. Das ist ja auch gut so. Aber ich wünschte mir manchmal, dass wir uns öfter daran erinnern, wie gut es uns heute im Vergleich zu damals geht.

Okay, jetzt versuchen wir den Inhalt dieses kurzen Textes in Form einer Geschichte zu erzählen:

Vielen Familien ging es in den ersten Nachkriegsjahren noch viel schlechter als uns. Wir hatten wenigstens nicht jeden Tag Hunger und mein Vater hat sogar etwas Geld verdient. Einmal hat er mich in die Stadt mitgenommen. Da war gerade ein kleiner Rummel, mit einem Karussell und Schaustellern. Es duftete nach frisch gerösteten Nüssen und verschiedenen Süßigkeiten. Da gab es auch diese Äpfel am Stiel, die mit einer klebrig-roten Zuckerglasur überzogen waren. Ich konnte meine Augen nicht mehr davonlassen und mein Vater kramte schließlich in seiner Hosentasche, um die begehrte Leckerei zu kaufen. Ich konnte dieses Ding natürlich kaum essen, ohne meine Hände und Gesicht mit klebriger Zuckerpampe zu verschmieren. Und vor lauter Gier nach dieser seltenen Süßigkeit leckte ich mir beinahe die Finger wund. Diese Zuckeräpfel gibt es auch heute noch. Aber heute sehe ich, wie Kinder nur einmal kurz an dieser Süßigkeit lecken, um sie dann in die nächst liegende Mülltonne zu schmeißen.

Inhaltlich beherbergen zwar beide Texte dasselbe Thema. Aber erkennen Sie den Unterschied? Storytelling spricht im Idealfall möglichst viele unserer Sinne und Gefühle an. Sie schaffen mehr Nähe und erzeugen identitätsstiftende Bilder. Üben Sie diese Techniken mit einer Idee Ihrer Wahl. Machen Sie es besser als ich es in diesem kurzen Beispiel gemacht habe und denken Sie daran, dass kein Meister vom Himmel gefallen ist. Ihre Kritiker sind meistens selbst keine Großmeister des kreativen Schreibens. Die Qualität Ihrer Texte wird mit regelmäßiger Übung und viel Output automatisch steigen. – Versprochen.

Wenn Sie die Techniken des Storytellings und des dramaturgischen Schreibens lernen möchten, erhalten Sie individuelle Aus- und Weiterbildungsangebote von DramaTec.  

Als Schaffender von Unternehmensmedien oder Marketingspezialist haben Sie auch mit der Anmeldung zu meinem Seminar Erfolgreiches Marketing mit Storytelling in Unternehmensmedien die Möglichkeit, in die Praxis des Storytellings einzutauchen.

 

Pixabay-Bild: Ramdlon