Über die dramaturgische Kraft erfüllter Prophezeiungen

„Dramaturgiegurus“ erzählen uns oft wie wichtig es ist, Überraschungsmomente in Storys einzubauen. Überraschungseffekte sind zwar sehr wichtig, sie benötigen aber auch ein „Gegengewicht“, um die Dramaturgie einer Story in Balance zu halten. Deshalb sind „erfüllte Prophezeiungen“ ein probates Mittel, um ihre komische oder tragische Funktionalität zu entfalten.

Sehr beliebt: Komik durch harte Schnitte

Das kennen wir alle. Wir erleben eine Vermutung oder eine Vorahnung eines Protagonisten und im darauffolgenden Schnitt sehen wir wie dieses Ereignis eintritt. Damit wurden schon oft sehr schnelle Lacher in erfolgreichen Komödien erzielt. Auch wenn wir es nicht gerne zugeben, aber es ist vor allem die in uns wohnende Schadenfreude, die uns zum Lachen über die „Schmerzen“ anderer verführt.

In Verrückt nach Mary (Orig.: There´s Something About Mary) erleben wir Ben Stiller in einer misslichen Lage, nachdem sich dessen bestes Stück im Reißverschluss verklemmt hat. Ein Polizist will dem Protagonisten gewaltsam helfen und versichert dem Armen, dass er das Schlimmste bereits überstanden habe. Der Cop beginnt bis drei zu zählen und wir ahnen bereits die schrecklichen Folgen dieses Rettungsversuchs. Noch bevor wir die „Drei“ hören, folgt der harte Schnitt auf die erwarteten Konsequenzen. Die Hauptfigur liegt auf einer Trage und die Sanitäter müssen den Verletzten durch die Menge der vielen Schaulustigen zum Rettungswagen tragen.

Im Film Vorbilder?! (Orig.: Role Models)  hat Paul Rudd in einer Szene sehr schlechte Stimmung, weil er sich gerade vorstellt wie er an einem Campingausflug teilnehmen soll und er bei solchen Ausflügen immer einen Typen erwartet, der nicht Gitarre spielen kann. Im nächsten Schnitt sitzt er tatsächlich im Wald einem Typen gegenüber, der schrecklich an seiner Gitarre herumzupft. 

Die Beispiele ließen sich noch zahlreich fortsetzen, die Funktionalität bleibt aber immer dieselbe. Der Schnitt auf die Erfüllung eines Ereignisses, das im Bild zuvor von einer Figur erwartet wird, erzeugt Komik. Das zeitliche Element spielt hierbei neben unserer innewohnenden Schadenfreude die zentrale Rolle. Das funktioniert bei allen komischen Stoffen. Für alle anderen Genres gelten zeitlich betrachtet etwas andere Regeln.

„Wie ich es hasse, immer Recht zu behalten!“ (Jeff Goldblum in Jurassic Park, als er vor einem T-Rex flüchten muss)

Der komische Effekt kann auch in anderen Genres erzielt werden, wenn die Zeitspanne zwischen Erwartung und Erfüllung eines Ereignisses gedehnt wird. In Jurassic Park beweisen alle drei Wissenschafter ihre ablehnende Haltung gegenüber einem Freizeitpark mit gezüchteten Urzeitmonstern. Vor allem Dr. Malcolm, gespielt von Jeff Goldblum, ist eine zutiefst pessimistisch motivierte Figur. Sie ist diejenige, die bereits zu Beginn des Filmes die schrecklichen Folgen prophezeit. Und tatsächlich gelingt es nur kurze Zeit später einem T-Rex auszubrechen und Jagd auf die Besuchergruppe zu machen. Die Aussage in der Überschrift verleiht der Dramaturgie in dieser Szene zwar eine gewisse Situationskomik, sie hat jedoch nichts mit Bestätigung einer stets negativ denkenden Figur zu tun, sondern lediglich mit deren Enttäuschung darüber, dass sich der angeborene Pessimismus schon wieder bestätigt hat. Deshalb bleibt gerade diese Figur durchwegs sympathisch, manchmal auch witzig und wurde in der ersten Fortsetzung sogar als Hauptfigur eingesetzt.

In anderen Filmgenres und in besonders tragischen Filmen überwiegt sehr oft das frühe Enthüllen von Prophezeiungen. Spannungstreiber ist dann vor allem die Neugier. Wir wollen wissen, wie sich die Dinge dahingehend entwickeln, die uns gleich zu Beginn dargelegt werden.

Im Drama We Need to Talk About Kevin wollen wir beispielsweise erleben, wie sich das gestörte Verhältnis einer Mutter-Kind-Beziehung entwickelt und zur Metamorphose eines Kindes in einen bestialischen Amokläufer geführt hat.

Viele Dramen funktionieren ähnlich indem wir zuerst die Erfüllung von erwarteten Ereignissen erleben und zeitlich erst später die Entwicklung zu diesen Ereignissen sehen. Aber auch dann benötigt die Dramaturgie einen Gegenpol, der aus Überraschungsmomenten besteht. Eine Story, in der sich sämtliche Vermutungen bestätigen, wird sehr schnell langweilig. Spannende Storys benötigen deshalb auch gelungene und vor allem glaubwürdige Überraschungen. Doch dazu im nächsten Beitrag mehr.

 

 

Punxsutawney Phil: „Ein Murmeltier als PR-Magnet“

Diese Woche fand in den USA wie jedes Jahr am 02. Februar der „Murmeltiertag“ statt. Mit rund 6.000 Einwohnern ist der Ort mit dem beinahe unaussprechlichen Namen Punxsutawney in Pennsylvania heute weltweit bekannt. Nicht unbedingt wegen dem Brauch, alljährlich ein Murmeltier als Wetterpropheten zu verehren, sondern vor allem wegen einem Hollywoodfilm.

Wir finden heute kaum einen Beitrag über das Murmeltier Phil, ohne das gleichzeitig auch der Film Groundhog Day (DE: Und täglich grüßt das Murmeltier) in Zusammenhang mit der Popularität des alljährlich stattfindenden Ereignisses gebracht wird. Es gibt zwar viele Hollywoodfilme die ein reales Ereignis in ihre fiktive Dramaturgie einbauen, aber nur selten konnte ein Ereignis zu solch internationaler Bekanntheit führen und zu einer weltweit populären Marke für eine Kleinstadt werden.

Ein Gefangener der Zeit

Bill Murray, der Protagonist, verkörpert die Figur Phil, einen unausstehlichen und selbstverliebten Wettermoderator, der damit konfrontiert wird, ständig denselben Tag erleben zu müssen. Die Dramaturgie des Filmes verarbeitet also folgende Frage: „Was wäre, wenn wir täglich zur selben Zeit im selben Tag gefangen wären?“ Wie würden wir damit umgehen? Würden wir die Situation für unsere Zwecke ausnutzen? Würden wir durchdrehen? Würden wir verzweifeln und uns schließlich den Tod wünschen? Vermutlich könnten alle Überlegungen zutreffen und nicht zufällig finden wir diese Gedanken auch in den Handlungen des Protagonisten wieder. Der Wettermoderator Phil entwickelt sich durch seine „Gefangenschaft“ von einem rücksichtslosen Egoisten zu einer werteschätzenden und hilfsbereiten Figur. Dass diese Entwicklung mit viel Witz verbunden ist, wird freilich durch die Situation selbst bedingt.

Die dramaturgische Entwicklung einer Figur durch Wiederholung und Entscheidung

Phil mag keine Menschen. Zu Rita sagt er, dass Menschen Idioten sind und diese Einstellung untermauert er mit seiner Haltung gegenüber den Menschen von Punxsutawney. Was wir von dieser Figur während der ersten 15 Minuten erfahren genügt, um alle folgenden Handlungen des Protagonisten zu glauben. Phil kann durch die ständigen Wiederholungen des Tages auch seine getroffenen Entscheidungen immer wieder revidieren und sich durch die gewonnenen Erkenntnisse weiterentwickeln. Darin liegt die dramaturgische Zugkraft des Filmes.

Der erste wiederholte Tag stößt noch auf die Verwirrung des Protagonisten. Er glaubt lediglich an ein ziemlich intensives Déjà-vu. Am nächsten Tag jedoch erkennt Phil, dass er ein ziemlich ernsthaftes Problem hat. Ein Schneesturm verhindert seine Abreise und Ärzte können ihm auch nicht helfen. Nicht einmal ein Psychologe begreift Phils Dilemma. Also was tun? Der Protagonist beginnt mit seiner Situation zu experimentieren. Er erkennt, dass alle seine Handlungen keine Konsequenzen am folgenden Tag mit sich ziehen und deshalb nützt er diese Erkenntnis, ganz seinem Charakter entsprechend, zuerst schamlos aus. Er rast mit einem Auto durch die Gegend, stiehlt Geld und schlägt den lästigen Versicherungsmakler. Das alles und noch viel mehr tut die Figur ohne irgendwelche Konsequenzen zu befürchten. Worin besteht nun das Ziel der Figur in einer solchen Situation? Das Erleben des 3. Februars? Das ganz bestimmt aber relativ früh erfahren wir auch, dass Phil sich in Rita verliebt. Rita ist das Gegenteil von Phil. Sie ist rücksichtsvoll und schätzt ihre Mitmenschen. Sie verkörpert im Grunde genommen alle Eigenschaften, die Phil so sehr verachtet. Phil beginnt deshalb die Macht der Wiederholung auszunützen, um Ritas Herz zu erobern.

Er erkennt wie einfach er Frauen mit dem Nutzen seines Dilemmas verführen kann und er versucht seine Verführungskünste schließlich auch an Rita, indem er sie jeden Tag etwas besser kennenlernt, um sie mit seinem wachsenden Wissen zu beeindrucken. Aber sein Plan scheitert. Nach mehreren hartnäckigen Versuchen muss Phil schließlich erkennen, dass er Ritas Herz nicht an einem einzigen Tag erobern kann. Als Resultat folgt Verzweiflung. Phil ist einsam und er bleibt auch ein einsamer Gefangener in seiner Zeit. Schließlich verliert er seinen Lebensmut und er versucht sich einige Male das Leben zu nehmen. Trotzdem wacht er jeden Morgen wieder am 02. Februar im Bett seiner Pension auf. Die Situation des Protagonisten gipfelt in Hoffnungslosigkeit.

Vertrauen als Schlüssel zur Gefängnistür

Welche Möglichkeiten bleiben also, wenn alle Tricks scheitern und nicht einmal der Freitod möglich ist, um sich der Gefangenschaft eines sich ständig wiederholenden Tages zu entziehen? Phil erkennt, dass er die Menschen von Punxsutawney und Rita mittlerweile so gut kennt, dass er damit auch die Möglichkeit besitzt, Rita seine hoffnungslose Situation zu beweisen. Rita glaubt Phil schließlich, aber trotzdem wacht er auch am nächsten Tag wieder am 2. Februar auf. Diesmal jedoch mit der Erkenntnis, dass Rita seine Geschichte glaubt und ihm vertraut. Durch ihr Vertrauen beginnt der Protagonist seine Haltung zu verändern. Weshalb die Zeit nicht für die schönen Dinge des Lebens nützen? Er lernt Klavier spielen, Eisskulpturen schnitzen und er beginnt ein Leben als hilfsbereiter Bürger der Kleinstadt. Er hat sich mit seiner Gefangenschaft abgefunden und versucht nun sein Leben dementsprechend positiv zu erfüllen. Erst als Phil sein Leben ändert und sich Rita deshalb in ihn verliebt, kann der Protagonist aus seinem Gefängnis ausbrechen.

Dramaturgie als PR für eine Kleinstadt

Die Idee, dass eine Figur ständig am selben Tag und in derselben Ortschaft erwacht, ständig auf dieselben Menschen trifft und alle ihre Handlungen daran gebunden sind, machten es natürlich auch notwendig, Bilder von Punxsutawney und dem Murmeltiertag ständig zu wiederholen. (Auch wenn der Film nicht in Punxsutawney gedreht wurde.) Phil das Murmeltier wurde durch Phil dem Wettermoderator zu einem weltweiten Hit. Wiederholung ist auch ein sehr wirksames Mittel, um erfolgswirksame Öffentlichkeitsarbeit leisten zu können. In der Dramaturgie eines Filmes kann Wiederholung nicht nur für Witz in der Handlung sorgen und damit die Entwicklung einer Figur wie Phil vorantreiben. Filmdramaturgische Wiederholungen können auch unerwartete Nebenwirkungen erzeugen und diese zeigen sich beispielhaft in der weltweiten Popularität einer Kleinstadt und ihres Brauchtums, ein Murmeltier als Wetterpropheten zu verehren.

 

 

Dramaturgische Weihnachtshelden: Engel ohne Flügel

Einsicht gehört neben den Elementen der Erinnerung, Identifikation und Erkenntnis zu den wichtigsten Eigenschaften in der Dramaturgie von Weihnachtsfilmen. (Eigentlich in allen Filmen, in denen wir deutlich die Zeichen aristotelischer Dramaturgie erkennen, aber anhand von Weihnachtsfilmen lassen sich diese Eigenschaften ganz besonders gut beschreiben.) Genauso wie die Erkenntnis Grundvoraussetzung dafür ist eine dramatische Figur bekehren zu können, so ist die Erinnerung eine wichtige Voraussetzung, damit die Figur Einsicht über ihr Verhalten und ihre Haltung erlangt.

Alle Jahre wieder…

… wird auf irgendeinem Fernsehkanal der Spielfilm It´s a Wonderful Life (DE: Ist das Leben nicht schön?) ausgestrahlt. Und zwar ziemlich genau um Heilig Abend, dann aber fast immer spät nachts. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die späte Sendezeit kein Zufall ist. Frank Capras Film schenkt Hoffnung und lässt uns über unsere persönliche Wertetabelle in unserem Leben nachdenken. Dramaturgisch funktioniert das besonders gut zu später Stunde, noch viel besser, wenn wir alleine sind. Die Story ist simpel und einfach zu analysieren aber die Botschaft ist bedeutsam. George Bailey ist ein erfolgshungriger junger Mann, der große Pläne für sein Leben schmiedet. Aber er ist auch ein sehr großzügiger und hilfsbereiter Mensch, der seine eigenen Interessen ständig hinter die Bedürfnisse anderer reiht. Deshalb bleibt er in dem Nest hängen in dem er aufwuchs, übernimmt die Bankgeschäfte des Vaters und setzt sich somit der Konfrontation mit dessen größten Widersacher aus. Aber George ist ein Kämpfer, der nicht so leicht aufgibt. Er verliebt sich, heiratet und seine Frau schenkt ihm wundervolle Kinder. Aber er verzichtet auf seine großen Pläne und die Chance einer internationalen Karriere. Er verzichtet darauf die Welt zu sehen, so wie er es immer geplant hatte, um anderen Menschen zu helfen. Und dann plötzlich wird er vom Antagonisten finanziell ruiniert. Georges kleinbürgerliche Welt bricht zusammen, er steht vor dem Abgrund und als letzten Ausweg sieht er nur noch seinen Tod.

Engel ohne Flügel

Der Engel Clarence hält George vom Brückensprung ab und zeigt dem Protagonisten in weiterer Folge, wie die Welt ohne ihn aussehen würde. Der Engel will sich damit seine Flügel verdienen und George ist bereits ein Engel ohne Flügel, ohne dass er sich dessen bewusst ist.

Die Dramaturgie des Filmes baut auf das Erinnerungsvermögen der Hauptfigur. George muss sich an die Wichtigkeit seiner Existenz für seine Umwelt erinnern. Zuerst muss er erkennen, wie eine Welt ohne ihn aussehen würde, damit er sich an sein großes Glück erinnert, von dem er täglich umgeben ist. Er erinnert sich, dass sein kleiner Bruder nicht mehr leben würde, wenn er ihn nicht als Kind gerettet hätte. Er erinnert sich, dass er Freunde hat, deren Persönlichkeit eine völlig andere wäre, wenn er nicht gelebt hätte. Der Engel führt George in eine Welt, in der er für seine Frau nur ein verrückter Vagabund wäre. Das ist der dramaturgische Höhepunkt, die Einsicht und Erkenntnis, dass sein größter Schatz seine Familie ist, die es ohne ihn nicht geben würde. Der Engel erinnert George daran, dass kein Reichtum ein größeres Glück für ihn sein kann als seine Familie und seine Freunde, für die er immer wieder seine Versuche aufgegeben hat, in die Welt hinauszuziehen um erfolgreich zu sein. 

Das Glück liegt oft so nah

Erst durch die Erinnerungen triumphiert die Erkenntnis. Der finanzielle Ruin wird zur  Nebensache, denn die Hauptsache, seine Familie, wird auch in den schlimmsten Situationen zu ihm stehen. Die Auflösung des Filmes besteht in der Hilfe durch Georges Freunde. Menschen, denen der Protagonist immer wieder geholfen hat und die ihm jetzt aus seinen finanziellen Schwierigkeiten helfen wollen. „Nichts was wir in unserem Leben tun ist umsonst“, auch so könnten wir die Botschaft des Filmes interpretieren. Aber für mich gibt es eine treffendere Prämisse, die auch dramaturgisch sehr gut verarbeitet wurde: „Unser Glück liegt oft so nah, man muss manchmal nur sehr gründlich nachdenken, man muss sich erinnern, um es auch zu erkennen.“

Ich bin mir sicher, dass diese Botschaft ein maßgeblicher Grund für den großen Erfolg dieses Filmes ist. Hoffnung schöpfen zu können ist für uns alle ein essentielles Bedürfnis, aber gerade Menschen die sich einsam fühlen, können sehr gut an der Figur des George Bailey Hoffnung schöpfen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein glückliches Weihnachtsfest. Im nächsten Jahr starte ich mit einer Beitragsserie in der Kategorie „Unternehmensmedien und Wirtschaftsdramaturgie“ und ich würde mich wieder sehr darüber freuen, Sie als interessierten Leser begrüßen zu dürfen.