Das Haus meines Großvaters

Wieder neigt sich ein Sommer seinem Ende zu. Eine erholsame Woche im Salzkammergut endet, aber nicht ohne Zwischenstopp in der Heimatgemeinde meiner Mutter. Genauer gesagt, im idyllischen Örtchen Neukirchen am Großvenediger. Viele schöne Kindheitserinnerungen verbinden mich mit diesem Ort, der schon zu meinen frühesten Lebensjahren regelmäßiges Urlaubsdomizil war. Nachdem wir heuer zum zweiten Mal hintereinander auf ein fernes Reiseziel und auf Meeresluft verzichtet haben, war bei einem Österreichurlaub der Abstecher nach Neukirchen auch willkommenes Abschlusshighlight.Unser Reiseziel naht, wir sind bereits durch Mittersill gefahren und vor uns liegen nur noch wenige Kurven. Dann endlich sehe ich den Kirchturm von Neukirchen und kurz darauf setze ich den Blinker, um gleich in die erste Ausfahrt – weg von der Umfahrungsstraße – abzubiegen. Meine Frau sitzt neben mir und grinst. Ohne Worte, denn sie weiß natürlich genau, dass ich zuerst immer durch das ganze Dorf fahren möchte, um den Durst meiner Neugierde, was sich seit dem letzten Mal alles verändert hat, zu stillen. Und warum auch nicht? Unser Hotel liegt schließlich genau am anderen Ende und am Waldrand von Neukirchen.Schnell erkennen wir, dass die Häuser und Hotels auch während COVID-Jahr 2 ihren ungewohnten Winterschlaf gut überstanden haben. Die Ortschaft scheint mit frisch gestrichenen Häusern und Hotels neu zu strahlen und noch wichtiger: Es gibt wieder Urlaubsgäste, die gemütlich die Straße entlang spazieren. Aber der spannendste Augenblick während dieser Durchfahrt folgt kurz vor der Ankunft bei unserem Hotel. Dann, wenn ich am Haus meines Großvaters vorbeifahre und erwartungsvoll hinüberblicke, nur um Gewissheit zu haben, dass dieses Haus immer noch steht. Mein Blick schweift kurz nach links und ich sehe, dass auch das „Haus Bergkristall“ immer noch seinem Namen entspricht.Wir fahren am Miniaturgolfplatz, der am Fuße unseres Hotels liegt und früher ein Minigolfplatz war, vorbei. Ein kleiner steinerner Fliegenpilz, in den ein Spieler schon vor über 40 Jahren die letzte Kugel schlagen musste, ist das letzte Überbleibsel der ursprünglichen Anlage, die früher inmitten eines kleinen Waldes mit hoch in den Himmel ragenden Tannen lag.Wir sind angekommen, ich parke und noch bevor ich unser Hotel betrete, schaue ich hinunter auf das Haus meines Großvaters, das umzingelt von einer gewaltigen Bergkulisse und greifbar scheinender „Dreitausender“ des Nationalparks Hohe Tauern wie ein Aussichtsturm ankert. „Opa hat mit dem Hausnamen Bergkristall echt ins Schwarze getroffen“, denke ich noch kurz, bevor wir mit unserem Gepäck das Hotel betreten.Unsere erste Unternehmung ist nicht der Sprung ins kühle Nass der wunderschönen Naturpoolanlage des Hotels. Traditionell besteht die erste Erfrischung in Form des weltbesten Eises, das es etwas weiter unten im Ort gibt. Unser Weg dorthin führt uns durch einen kleinen Park, der gegenüber vom Haus meines Großvaters liegt und der genauso Teil meiner Kindheitserinnerung ist. Auch der Park hat seit letztem Jahr kleine Veränderungen erhalten, weshalb wir uns kurz auf eine der neuen Holzbänke setzen, von der aus ich den besten Blick auf das Haus habe.Nun, seit einigen Jahren ist dieses Haus nicht mehr in Familienbesitz. Ein Fremder hat es vor einigen Jahren gekauft und in fast unheimlicher Art und Weise besonders liebevoll…

„God bless you“

Es geschah an einem Abend und die Sonne brannte immer noch unerträglich auf mein Gesicht an jenem Tag, der schon so viele Jahre zurück liegt. Und ich erinnere mich an diesen Sommertag als wäre er gestern gewesen und das nicht nur wegen der außergewöhnlich herrschenden Hitze oder weil der 5. Juli auch mein Geburtstag war.Ich verweilte an jenem Tag mit ein paar Freunden in Frascati, einem malerischen Ort außerhalb Roms. Wir waren schon den ganzen Tag unterwegs, irrten zwischen den engen Gässchen und zwischen den Märkten umher. Der Gestank des heißgebrannten Asphalts mischte sich mit den Gerüchen von frischem Pane di campagna, Prosciutto, Mozarella, Olive, Pomodori, Funghi, Melanzana, Parmigiano und vielen anderen Köstlichkeiten. Das reinste Schlaraffenland und trotzdem wäre mir an diesem Tag ein Sprung ins kühle Meer viel lieber gewesen. Mein Shirt klebte seit Stunden an der Brust und überhaupt war es einer der Tage, an denen auch am Abend kein Handtuch trocknete.Als wir endlich auf einer Anhöhe vor einer uns wohlbekannten Weinschenke eintrafen, stolperte der Kellner bereits über die viel zu schmale Eingangsschwelle, um den Gästen kühlen Weißwein und Wasser zu kredenzen. Wir begannen unsere Einkäufe auszupacken, um mit essen und trinken den nahenden Sonnenuntergang zu begleiten. Die Zeit verstrich so schnell wie die Sonne hinter einen Hügel eintauchend verschwand. Die Nacht brach an und das hell beleuchtete Rom in der Ferne löste die nur wenig abkühlende Abendstimmung ab. Wein floss unsere Kehlen hinunter und die Kellner wurden nicht müde, uns ständig nachzuschenken. Als endlich etwas Abkühlung zu spüren war, haben wir die Zeit endgültig vergessen. Und nur ein zufälliger Blick auf die Uhr ließ uns plötzlich, während unserem gemütlichen Beisammensein, aufschrecken. Der letzte Zug nach Rom würde in wenigen Minuten abfahren.In Windeseile packten wir alles zusammen und hetzten durch die romantischen Gässchen und die steinernen Stiegen hinunter zum Bahnhof. Gerade noch geschafft und völlig außer Atem betraten wir eines der Abteile. Erschöpft von der Rennerei ließ ich mich in einen der Sitzplätze fallen. Mir gegenüber setzt sich eine der Frauen. Sie packt einen dieser Biskuitkekse aus, die hierzulande gewöhnlich in Weißwein eingetunkt gegessen werden. „Meine Güte“, denke ich. „Wie kann sie jetzt und bei dieser Hitze immer noch so einen Keks essen?“ Sie bemerkt, wie ich sie beobachte und sie bietet mir einen der Kekse an. Ich schüttle dankend meinen Kopf. Dann sehe ich mich um, starre auf die vielen Plastiksäcke, die wir bei uns haben. „Was haben wir bloß alles gekauft. Die Hälfte von dem gekauften Essen schleppen wir jetzt wieder mit nach Hause.“Das Abteil ist beinahe leer. Ich sehe mich weiter um und entdecke ein verliebtes Paar am oberen Ende des Abteils. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich den aus dem Nichts aufgetauchten Typen neben mir gar nicht bemerkte. Ein Schwarzer, irgendwie sympathisch wirkender Kerl mit weißer Baseballmütze und auffälligem orange-farbigem T-Shirt fuchtelt neben mir aufgeregt herum und versucht in italienischer Sprache etwas zu erzählen. Ich zucke mit meinen Achseln, deute ihm mehrere Male, dass ich ihn nicht verstehe, bevor der Unbekannte so…

Vom „Holz her“

Heftiger Regen schlägt plötzlich gegen die Fensterscheibe meines Büros. „Verdammt, die Wäsche ist noch draußen“, schießt ein Gedanke in meinen Kopf und ich eile auf die Terrasse. Zu spät. Und auch ich wurde für die jähe Unterbrechung meiner Arbeit mit einer unfreiwilligen Dusche belohnt. „Da ich schon mal draußen bin, könnte ich mir eine anzünden“, denke ich. Blödes Laster diese Raucherei. Der Regen lässt nach und ich ziehe an meiner Zigarette, als mich der wohlbekannte Geruch des heißnassen Asphalts von der Holzstraße in eine Erinnerung eintauchen lässt.Schon als Kind liebte ich den Geruch des dampfenden Asphalts von unserer Holzstraße, denn es war der Geruch des Sommers und ist heute meine Erinnerung an eine unbeschwerte Kindheit. Damals, als uns die Eltern bis spät abends kaum in die Häuser brachten, wo wir dann unsere schwarzen Fußsohlen sauber schruppen mussten, bevor wir zu Bett gingen.Die Menschen grüßten sich noch auf der Straße, sie feierten gemeinsam Feste und traditionell traf man sich an lauwarmen Sommerabenden „im Holz“, um sich über allerhand und unerhörte Neuigkeiten emsig auszutauschen. Und auch unsere türkischen Gastarbeiterfamilien gönnten sich etwas Abkühlung mit einem gemeinsamen Spaziergang in der Holzstraße, womit sie Urlaubsflair in unsere Straße brachten. Ich erinnere mich an ein großes „Holzerfest“. Also kein Fest meiner Familie Holzer, sondern ein großes Fest aller Bewohner von der Holzstraße. Klingt fast schon kitschig-amerikanisch. Aber all das hat es tatsächlich bei uns in der Lustenauer Holzstraße gegeben und ist schon viele Jahre her.Heute lebe ich nach vielen Jahren wieder als „Holzer in der Holzstraße.“ „Nein ehrlich, das ist kein Witz“, erkläre ich oft den Menschen, die mich ungläubig verwirrt ansehen. Und manchmal erlaube ich mir als scherzhafte Erklärung, dass die Straße nach meiner Familie benannt wurde. Die Holzstraße in Lustenau war früher tatsächlich einmal eine Holzhandelsstraße und die Bewohner wurden auch als vom „Holz her“ bezeichnet. Lustigerweise funktioniert dieses Wortspiel mit meinem Familiennamen deshalb in doppelter Hinsicht. Aber ich schweife in meinen Gedanken ab. Also zurück zu früher und dem Leben in der Lustenauer Holzstraße.Mir fällt ein, wie wir als Kinder unsere Straße ziemlich gefahrlos passieren konnten, zu unseren Freunden in der Nachbarschaft ohne elterliche Hilfe gelangten und auch wieder von selbst und unbeschadet nach Hause kamen. Zu den bedauerlichen Verkehrsopfern zählten früher lediglich Katzen, manchmal auch Hunde, die noch häufig in der Gegend herumstreunten. Und wir konnten auch ohne Vereinszugehörigkeit jederzeit ins FC-Stadion, um Fußball zu spielen. Heute sieht man nur noch sehr wenige alte Lustenauer Häuser in der Holzstraße. Man trifft sich nicht mehr so sehr „im Holz“. Der Verkehr hat auch hörbar zugenommen, aber nicht so sehr, um nicht auch noch die Vögel zwitschern zu hören. In diesem Augenblick springt ein Rasenmäher an. „Hat doch kaum aufgehört zu regnen“, denke ich mir. Mit den vielen Wohnanlagen in unserer Straße hat zumindest das krankhafte Rasenmähen nicht an Beliebtheit verloren. Vielleicht leben wir heute zu intensiv nebeneinander und zu wenig miteinander?„Heute musst du in unserer Straße deine Haustüre zusperren und deine Kinder wegen hundert Meter im Auto fahren, damit sie nicht zu Entführungsopfern…