„(K)eine Reise mit versteckter Kamera“ – Kurzgeschichte
Manchmal kann eine Eisenbahnreise nach Wien auch ohne Lektüre ganz unterhaltsam sein. Mit dieser Erkenntnis stiegen wir am Wiener Hauptbahnhof aus und auch wenn wir ziemlich hungrig das Abteil verließen, so war zumindest unser Reiseticket jeden Cent wert. Wir steigen also früh morgens in das Abteil und freuen uns auf Frühstück. Es dauert auch nicht lange, bis er plötzlich vor uns steht. Ein Typ, der aussieht als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. Schlank, dunkle Haut und mit Schlafzimmerblick fragt er uns sehr höflich und mit ausländischem Akzent, was wir den gerne hätten. Wir bestellen unsere Frühstückswünsche, er hört uns aufmerksam zu, ohne etwas zu notieren. Und dann sagt er zu mir: „Es tut mir leid, Semmeln sind ausverkauft. Nur Croissant haben wir.“ Na gut. Dann eben nur Kaffee und Croissant und zu meiner Frau – sie wollte ein Biofrühstück – meint er: „Haben wir leider keine Apfel mehr. Ist gut?“ Okay, sie nimmt ihr Frühstück eben ohne Apfel. Dann verschwindet er genauso unauffällig, wie er aufgetaucht ist. Wir warten, meine Frau beginnt etwas in ihren Zeitschriften zu blättern. „Auch nicht schlecht“, sage ich lachend zu ihr. „Der Zug ist gerade losgefahren und die Semmeln sind schon ausverkauft.“ Die Zeit vergeht, das Abteil hat sich mittlerweile gefüllt und immer noch kein Frühstück. Die Fahrgäste suchen ungeduldig nach der Servicekraft des Bistros. Und dann steht er wieder bei uns. Ich bekomme meinen Kaffee und Gebäck und meine Frau erhält ihr Biofrühstück, das so ziemlich alles enthält, was sie nicht bestellt hat. Dafür fehlt - wie angekündigt - der Apfel. Wir nehmen es schmunzelnd hin und beginnen zu essen. Im Abteil werden die Fahrgäste um uns herum ungeduldig. Aber unser Freund vom Bistro scheint sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Ich nehme einen Schluck Kaffee und beobachte ihn, wie er eine weitere Bestellung aufnimmt. Ein Mann, gut gekleidet mit aufgeklapptem Notebook, ordert mit bestimmendem Ton sein Frühstück. Offensichtlich ein Geschäftsmann und der junge Mann vom Bistro hört nickend zu. Und dann zum Schluss: „Ich muss Ihnen leider die Mitteilung machen, Frühstück ist ausverkauft.“ Meine Frau verschluckt sich beim Versuch, ihr Lachen zu unterdrücken, denn auch sie hat die Szene aufmerksam beobachtet. Der Geschäftsmann aber findet das nicht so witzig und wird ungehalten: „Wie ausverkauft! Das sagen Sie mir jetzt? Dann müssen Sie mir eine Alternative anbieten.“ Gespannt sehen wir zu, wie der Bistromann Ruhe bewahrt, versucht, ihm das gewünschte Frühstück auszureden. Aber der Geschäftsmann bleibt hartnäckig und ich flüstere zu meiner Frau: „Das könnte heikel enden.“ Schlussendlich verspricht ihm unser Freund vom Bistro doch ein Frühstück und zieht wieder gemütlich schlendernd ab. Auf seinem Weg wird er erneut von einem Fahrgast aufgehalten: „Ich habe jetzt schon vor einer halben Stunde ein Wasser bestellt. Wann kommt das endlich?“ „Ich komme in fünf Minuten zu ihnen.“ Und weg ist er. Wieder vergeht Zeit und nach einer viertel Stunde taucht der Bistromann endlich wieder auf. Auf seinem Tablet ein Wasser und ein Kaffee, den er dem Geschäftsmann bringt. Der sieht in ungläubig…
