Hollywood als Lebensmodell: Über Stars und andere falsche Vorbilder

Im letzten Beitrag habe ich erzählt, dass die Figur immer ein Held sein muss und der Star ein Schwächling bleiben darf. Trotzdem beobachte ich ständig, dass Rezipienten es lieben, Stars mit den Figuren die sie verkörpern zu vergleichen. Unlängst erzählte mir ein guter Freund, dass ihm die Figur Charly aus der Serie Two and a half man so gut gefällt, weil er den Star Charly Sheen mit der Figur selbst identifiziert. Mit anderen Worten: Im gefällt, dass der Star Charly genauso versoffen und umtriebig ist, wie die Figur Charly. => Der Star ist die Figur.

Ich teile in diesem Punkt die Meinung des finnischen Meisterregisseurs Aki Kaurismäki. Dieser sagte in einem Interview zur Dokumentation seines Filmes Le Havre: „John Wayne war nachweislich ein Vollidiot, aber als Westernheld war er einsame Klasse.“

Es spielt überhaupt keine Rolle, wenn der Star nicht die Klasse seiner Figuren besitzt. Er muss nur ein genialer Nachahmer sein. Im Gegenteil halte ich es manchmal sogar für gefährlich, wenn Stars auch außerhalb des Drehortes „Täuscher“ bleiben. Ich möchte das anhand eines Beispiels aus der Frühzeit des Kinos erklären.

Der lustige „Fatty“

Roscoe „Fatty“ Arbuckle war ein Star zu Hollywoods goldenen Zeiten. Er war der lustige Star, den die Kinder liebten und der weltweit das Publikum zum Lachen brachte. Und außerdem verdienten die Studios Millionen mit seinen Filmen. Er war einer der hervorragenden Komiker seiner Zeit und er war ein Star. Er war fett, trank übermäßig viel und er war eigentlich auch sehr hässlich. Aber er hatte trotzdem stets wunderschöne Frauen um sich versammelt und Zeitzeugen berichteten vermehrt von Partys, auf denen Fatty mit Frauen in Hinterzimmern verschwand, um diese brutal zu vergewaltigen. Das Starlett Virginia Rappe starb nachweislich an einem Blasenriss. Es wurde Anklage erhoben und nach drei Prozessen wurde Fatty von den Geschworenen freigesprochen. Tatsächlich konnte ihm nichts nachgewiesen werden, da die meisten Partygäste, die als Zeugen aussagten, zum Tatzeitpunkt selbst schwer betrunken waren.

Die Geschworenen vertrauten auf das unbescholtene Bild der Figuren, die Fatty stets verkörperte. Paramount wollte trotzdem nichts mehr von ihm wissen. Zu sehr war das Image eines wegen Vergewaltigung angeklagten Komikers angekratzt, um weiterhin mit diesem Dollars verdienen zu können. Fatty verkraftete sein Karriereende nicht und wurde Opfer seines übermäßigen Alkoholkonsums.

Wir wissen heute natürlich nicht, was damals tatsächlich geschah. Fest steht, dass Fatty wohl kein Unschuldslamm und im wirklichen Leben alles andere als ein Held war.

Warum Stars falsche Vorbilder sind

Die heutigen Stars unterscheiden sich grundsätzlich nicht von den Stars aus dem goldenen Hollywoodzeitalter. Allerdings sind sie heute um sehr viel reicher und die Studiobosse gieren nach den Stars und ihrem Marktwert. Nicht der qualitative Wert eines Schauspielers zählt, sondern sein Popularitätsgrad. Und dieser ist, wie wir alle sehr wohl wissen, für findige PR-Experten heute sehr gut manipulierbar. Ich behaupte, dass heute nur eine Mordverurteilung die Karriere eines Stars für immer beenden kann. (Und nicht einmal da bin ich mir sicher.)

Charly Sheen war ein Filmstar, er baute Mist und wurde nach einiger Zeit zu einem Serienstar. Er baute wieder ständig Mist und wurde nach antisemitischen Beleidigungen aus Two and a half man rausgeschmissen.

Ich glaube, dass die Stars von heute nicht nur sehr gierig sind, sondern auch ständig danach trachten, ihr zurechtgelegtes Image aufrecht zu halten. Genauso wie sie nichts mit den Figuren gemein haben, hat auch dieses Image nichts mit der wahren Persönlichkeit eines Stars zu tun. Deshalb sollten wir uns hüten, falschen Vorbildern nachzueifern, die meistens keine Vorbilder sind, sondern lediglich konstruierte Inszenierungen von Persönlichkeiten darstellen.

Figuren als Vorbilder

Die Figuren sind die wahren Vorbilder und das aus ganz einfachem Grund. Sie verkörpern Wesenszüge, von denen wir träumen. Sie zeigen uns Dinge, die wir selbst nicht können. Aber erst wenn Figuren glaubwürdig handeln, schenken sie uns Hoffnung, um dieselben faszinierenden Dinge tun zu können. Darin liegt die Kraft von dramaturgischen (handelnden) Figuren. Die Stars sind nur die Hüllen, die Nachahmer, die sehr viel Geld verdienen und die uns nicht weiter zu interessieren brauchen. Egal ob der Star ein edler Mensch oder einfach nur ein Schwachkopf ist, die Figur muss immer erhaben sein. Das gilt für Helden und Schurken gleichermaßen. Und den Figuren schenke ich in meinem nächsten Beitrag dieser Serie meine Aufmerksamkeit.

Verwendete Quellen für diesen Beitrag:

Camonte, Tony S. (1987): 100 Jahre Hollywood. Von der Wüstenfarm zur Traumfabrik. München: Heyne.